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Nr. 7072836
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Strategiepapier 6

Aus Krisen lernen, in Widerstandsfähigkeit investieren

I. Ausgangslage: Wirtschaft unter Stress

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt: Wirtschaftliche Stärke ist heute untrennbar mit Krisenfestigkeit verbunden. Naturkatastrophen, Pandemien, Cyberangriffe, Sabotage, Spionage, Desinformation, Störungen kritischer Infrastrukturen sowie geopolitische Konflikte können Produktion, Logistik, Verwaltung, Gesundheitsversorgung und digitale Kommunikation gleichzeitig treffen. Belastbare Lieferketten, sichere und klimaresiliente Infrastruktur, technologische Souveränität, Cyber- und Wirtschaftsschutz sind damit zu harten Standortfaktoren geworden. Ein neues Geschäftsmodell für Nordrhein-Westfalen, dass über die kommenden Jahre tragen kann, muss daher auf Widerstandsfähigkeit angelegt sein.
Die aktuellen Erfahrungen mit den Wirkungen und Folgen hybrider Kriegsführung machen eine neue Qualität wirtschaftlicher Resilienz erforderlich. Angriffe können unterhalb der Schwelle eines Verteidigungsfalls erfolgen und dennoch erhebliche wirtschaftliche Wirkungen entfalten: durch gestörte IT-Systeme, angegriffene Energie- und Kommunikationsinfrastruktur, manipulierte Informationslagen, Ausspähung von Schlüsseltechnologien, Sabotage an Verkehrs- oder Logistikknoten oder gezielte Verunsicherung von Unternehmen und Bevölkerung.
Resilienz bedeutet nicht staatlicher Dirigismus. Gemeint ist die Fähigkeit von Unternehmen, Kommunen, öffentlichen Institutionen und der Gesellschaft, auf außergewöhnliche Lagen vorbereitet zu sein, unter Stress handlungsfähig zu bleiben und nach Störungen schnell wieder funktionsfähig zu werden. Im Mittelpunkt steht daher nicht nur die allgemeine Modernisierung des Wirtschaftsstandorts, sondern die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit in Krisen-, Katastrophen- und Bedrohungslagen. Dazu zählen Hochwasser, Starkregen, Hitze und andere Naturereignisse ebenso wie große medizinische Notlagen, Cyberangriffe, Erpressung, Wirtschaftskriminalität, Know-how-Abfluss, staatliche Spionage, Sabotage, Desinformation, Störungen kritischer Infrastrukturen sowie der Zustimmungs-, Spannungs- und Verteidigungsfall.
NRW verfügt bereits über wichtige Strukturen im Katastrophenschutz, in der Gefahrenabwehr, im Wirtschaftsschutz, bei der Cybersicherheit, in der Gesundheitsversorgung sowie in der Unterstützung von Unternehmen. Die zentrale Aufgabe besteht deshalb nicht darin, neue Parallelstrukturen aufzubauen. Erforderlich ist vielmehr, bestehende Krisen- und Sicherheitsstrukturen gezielt um die Perspektive der Wirtschaft zu ergänzen: durch bessere Schnittstellen zwischen Staat und Unternehmen, vertrauliche Lagebilder, praxisnahe Übungen, schnelle Wiederanlaufverfahren und gezielte Prävention gegen hybride Bedrohungen.
Nordrhein-Westfalen braucht dafür eine Resilienzstrategie, die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit systematisch absichert. In unsicheren Zeiten muss sich die Wirtschaftsstruktur flexibel weiterentwickeln können. Die Konservierung bisheriger Strukturen reicht nicht aus. Das Land muss dafür die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen, damit Unternehmen in einem unsicheren Umfeld flexibel agieren können und Strukturbrüche vermieden werden. Darüber hinaus müssen Unternehmen, Kommunen und öffentliche Institutionen Risiken frühzeitig erkennen, Vorsorge treffen, im Krisenfall koordiniert handeln und nach Störungen schnell wieder funktionsfähig werden können.

Zielbild 2030

Nordrhein-Westfalen soll bis 2030 ein Industrieland sein, dessen Wirtschaft auch unter Stress leistungsfähig bleibt: mit resilienten Betrieben, geschützten Wirtschaftsflächen, handlungsfähigen Kommunen, funktionsfähigen Liefer- und Versorgungsketten, breiter Cyber- und Wirtschaftsschutzkompetenz im Mittelstand, starker Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft und eingespielten Schnittstellen zwischen Land, Kommunen, Kammern, Unternehmen und Sicherheitsakteuren.
Eine NRW-Resilienzstrategie muss drei Anforderungen erfüllen:
  1. Erstens muss sie vorhandene Strategien und Strukturen auf wirtschaftliche Handlungsfähigkeit ausrichten, statt Parallelstrukturen zu schaffen.
  2. Zweitens muss sie Resilienz als Standort- und Wirtschaftsfaktor verstehen, nicht nur als Krisenvorsorge.
  3. Drittens muss sie Unternehmen und Kommunen praktisch befähigen, ohne zusätzliche Pflichten und Berichtslasten aufzubauen.

II. Hebel einer wirtschaftlichen Resilienzstrategie für NRW

1. Risiken erkennen und Handlungsfähigkeit sichern

Resilienz beginnt mit einem realistischen Blick auf Risiken. NRW muss stärker in Szenarien denken: Naturkatastrophen, medizinische Notlagen, Cyberangriffe, Spionage, Sabotage, Desinformation, Lieferkettenstörungen und Fragen der Gesamtverteidigung. Entscheidend ist, Verwundbarkeiten früh zu erkennen, ohne daraus einen öffentlichen Schwachstellenkatalog zu machen.
Widerstandsfähigkeit bedeutet dabei nicht, nach einem Schock lediglich zum vorherigen Zustand zurückzukehren. Resilienz beschreibt die Fähigkeit, sich schnell an veränderte Bedingungen anzupassen, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben und aus Krisen neue Stärke zu entwickeln. Sie ist damit kein statischer Zustand, sondern ein fortlaufender Lern- und Anpassungsprozess.
Ziel muss es sein, die wirtschaftliche Erneuerungsfähigkeit des Landes langfristig zu stärken. Unternehmen, Infrastrukturen, Kommunen und Institutionen müssen auch unter Stress funktionsfähig bleiben, Ressourcen flexibel einsetzen, Verfahren anpassen und neue Wertschöpfung ermöglichen können.
Für die Landespolitik heißt das: Sie muss Rahmenbedingungen schaffen, die die Anpassung erleichtern. Dazu gehören schnelle Verfahren, praxistaugliche Förderung, Innovations- und Experimentiermöglichkeiten, technologische Offenheit und eine Verwaltung, die auch unter Krisenbedingungen verlässlich entscheidet. [Weitere Vorschläge finden sich in den Strategiepapieren von IHK NRW zur Staatsmodernisierung und Infrastruktur.]
NRW bleibt als Industrie- und Exportland auf offene Märkte, europäische Arbeitsteilung, internationale Kooperation und den EU-Binnenmarkt angewiesen. Resilienzpolitik ist immer auch Wachstumspolitik, und darf nicht zur Abschottung führen. Zugleich erfordern die wachsenden Unsicherheiten, sich unabhängiger gegenüber einseitigen Abhängigkeiten und kritischen Lieferengpässen aufzustellen.
Für NRW liegt der Hebel in einer klugen Balance: internationale Offenheit und europäische Integration erhalten, zugleich aber dort mehr Souveränität schaffen, wo Versorgungssicherheit, kritische Wertschöpfung, Daten, Technologien, Energie, Rohstoffe oder Sicherheit betroffen sind. NRW sollte seine industrielle Stärke nutzen, um Abhängigkeiten zu verringern, Handlungsfähigkeit zu sichern und neue Wertschöpfung aufzubauen.

2. Auf Kooperation setzen

Eine wirksame Resilienzpolitik darf nicht allein einzelne Anlagen, Branchen oder Infrastrukturen betrachten. Entscheidend ist, welche Funktionen für die Handlungsfähigkeit des Landes unverzichtbar sind: Energieversorgung, Mobilität, digitale Kommunikation, Gesundheitsversorgung, Logistik, Produktion, Verwaltung, Sicherheit und Wiederanlauf nach Krisen.
Dieser funktionale Blick macht sichtbar, wo Infrastrukturen, Lieferketten, Fachkräfte, Daten, Genehmigungen, Finanzierung und kommunale Leistungsfähigkeit ineinandergreifen. Resilienz muss daher ressort-, branchen- und ebenenübergreifend gedacht werden.
Krisen überschreiten Zuständigkeitsgrenzen. Resilienz entsteht deshalb nur durch Zusammenarbeit zwischen Land, Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft, Sicherheitsakteuren, Infrastrukturbetreibern sowie Bund und EU. NRW sollte seine Stärke als dicht vernetzter Wirtschaftsraum nutzen und Kooperation einfacher, verbindlicher und schneller organisieren.
Daher braucht Resilienz Vertrauen. Unternehmen und Infrastrukturbetreiber werden sensible Informationen nur einbringen, wenn diese geschützt bleiben. Deshalb muss gelten: so viel Transparenz wie nötig für politische Steuerung und öffentliche Nachvollziehbarkeit, so viel Vertraulichkeit wie erforderlich zum Schutz kritischer Funktionen.

3. Prävention systematisch verankern

Resilienzpolitik muss vorausschauend wirken. Vorsorge ist regelmäßig wirksamer und günstiger als Krisenbewältigung und Wiederaufbau. Risiken müssen frühzeitig erkannt, Investitionen entsprechend priorisiert und bestehende Strategien stärker auf Krisenfestigkeit ausgerichtet werden.
Zugleich entsteht Resilienz nicht durch einmalige Strategien, sondern durch kontinuierliches Lernen. Krisen, Übungen, Pilotprojekte und Schadensereignisse müssen ausgewertet und in bessere Verfahren übersetzt werden. NRW braucht deshalb klare Ziele, geeignete Indikatoren, regelmäßige Fortschrittskontrolle und die Bereitschaft, Maßnahmen bei neuen Erkenntnissen anzupassen. Ziel ist ein lernender Prozess: Risiken erkennen, Maßnahmen erproben, Zuständigkeiten klären und nachsteuern.

III. Konkrete Ansatzpunkte für NRW






Risiken erkennen und handlungsfähig bleiben

Auf Kooperation setzen und Prävention systematisch verankern

IV. Auftrag für die kommende Landesregierung

Die Landesregierung sollte eine ressortübergreifende Strategie zur wirtschaftlichen Resilienz vorlegen. Diese Strategie sollte vorhandene Strukturen nicht ersetzen, sondern auf wirtschaftliche Handlungsfähigkeit, Schutz kritischer Standortfunktionen und schnellen Wiederanlauf ausrichten.
Kernaufträge sind: eine Cyber- und Wirtschaftsschutzoffensive für Unternehmen, die Verzahnung von Wirtschaft und Gesamtverteidigung, ein Praxisprogramm für resiliente Wirtschaftsflächen, ein kommunaler Wiederanlaufbaustein, die Stärkung von Gesundheits- und Versorgungsresilienz, die Absicherung kritischer Standortfunktionen bei Energie, Rohstoffen und Logistik, resiliente Wertschöpfungs- und Lieferketten sowie ein vertrauliches Lagebild mit regelmäßigen Resilienzübungen.
NRW braucht keine Resilienzstrategie als zusätzliche Regulierung. Es braucht einen wirtschaftspolitischen Ordnungsrahmen für Krisenfähigkeit: vertraulich steuern, praktisch üben, vorhandene Programme bündeln, Unternehmen befähigen und im Ernstfall schneller wieder handlungsfähig werden.

IHK NRW
Die Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen e. V.
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