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Nr. 7072830
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Strategiepapier 4

Innovationsbeschleuniger für NRW

I. Neuausrichtung der NRW-Innovationspolitik

Nordrhein-Westfalen verfügt über starke Forschung, industrielle Anwendungskompetenz und unternehmerische Erfahrung – zu oft aber fehlt der Schritt von der guten Idee zur breiten Wertschöpfung. Gerade für ein Industrieland wie NRW ist das ein zentrales Problem: Ein neues Geschäftsmodell für das Land wird nur gelingen, wenn Innovationen schneller in Gründungen, marktfähige Anwendungen und produktive Prozesse überführt werden.
Gleichzeitig steht NRW bei Forschung und Entwicklung unter Druck. Mit einer FuE-Quote von 2,3 Prozent des BIP bleibt das Land deutlich hinter dem deutschen Innovationsziel von 3,5 Prozent zurück (Bundesbericht Forschung & Innovationen 2025). Zugleich zeigt sich am Beispiel der Künstlichen Intelligenz, wie schnell technologische Sprünge heute in die Breite wirken können: Nach IHK-NRW-Angaben setzen bereits 39 Prozent der Unternehmen KI-Tools ein, weitere 30 Prozent planen den Einsatz zeitnah (DIHK-Umfrage: Digitalisierung 2026). Kaum eine andere Technologie hat sich in so kurzer Zeit so dynamisch verbreitet. Weitere Schlüsseltechnologien – von Quantentechnologien bis zur Fusion – stehen bereits in den Startlöchern.
Die europäische Innovationspolitik und damit auch die NRW-Innovationspolitik stehen vor einem Umbruch. Die EU plant einen stärkeren Fokus auf Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit, Skalierung, einfachere Förderzugänge und schnellere Anwendung, etwa über den geplanten European Competitiveness Fund (ECF) und den angekündigten European Innovation Act. Die Kohäsionspolitik und damit die bisherige NRW-Innovationspolitik stehen auf dem Prüfstand (IHK NRW zur Neuausrichtung der EU-Förderung). NRW muss seine Innovationspolitik konsequent neu auf einen Innovations- und Produktivitätsschub ausrichten.
Dafür braucht das Land einen Innovationsbeschleuniger mit Vorrang für Innovationen und einer wertschöpfungszentrierten Organisationsstruktur, damit aus guter Forschung schneller Gründungen, marktfähige Anwendungen und neue Wertschöpfung entstehen.

II. Hebel für eine anwendungsorientierte Innovations- und Produktivitätspolitik

NRW braucht eine anwendungsorientierte Innovations- und Produktivitätspolitik mit vier Hebeln – Diffusion, Skalierung, Erprobung und Nachfrage.



III. Ableitung landespolitische Architektur: Innovationsbeschleuniger NRW

Daraus lässt sich eine konkrete landespolitische Architektur ableiten: NRW sollte als Hebelprojekt neben einer neuen allgemeinen Innovationsstrategie einen „Innovationsbeschleuniger NRW“ etablieren.
Das wäre ein geeignetes Umsetzungsinstrument mit wenigen messbaren Zielen: mehr KI- und Automatisierungsadoption im Mittelstand, schnellere Skalierung forschungsnaher Gründungen, mehr technologieoffene Reallabore, mehr innovationsorientierte öffentliche Beschaffung und weniger Zeit von der Förderung bis zur Anwendung. Die Wirkung müsste jährlich anhand harter Kennzahlen überprüft werden: Zahl produktiver KI-Anwendungen in KMU, Anteil automatisierter Kernprozesse, Wachstumsfinanzierungen in Deeptech, Dauer von Genehmigungs- und Förderverfahren, Anteil innovativer Vergaben, Zahl erfolgreicher Reallabor-Überführungen in den Regelbetrieb.

Konkrete Instrumente:
  • Produktivitätsscheck NRW
  • Reallabor-Fast-Track NRW
  • Scale-up-Fonds NRW
  • Innovationsomnibus mit One-Stop-Shop Innovation NRW
  • Vergabe Lab NRW
  • KI-Transferoffensive NRW
Im Einzelnen:

IV. Zentraler Umsetzungsakteur

NRW-Innovationseinheit nach SPRIND-Vorbild

NRW hat bereits ein dichtes Geflecht aus Hochschulen, Clustern, Hubs, Förderprogrammen, EFRE/JTF-Strukturen und vor allem der NRW.BANK. Was bislang fehlt, ist ein kleiner, hochautonomer Umsetzungsakteur für die besonders risikoreiche Phase zwischen Idee, Validierung, Erprobung und Markteintritt. Genau hier liegt eine zentrale Lücke im Innovationssystem in NRW. Eine NRW-Innovationseinheit nach SPRIND-Vorbild, keine neue große Behörde, sondern ein kleiner, autonomer Innovationsbeschleuniger NRW mit sehr engem Mandat kann diese Lücke füllen.
Die Organisationseinheit müsste mindestens folgende Dinge leisten:
  1. Validierungsaufträge NRW:
    Kleine, schnelle, technologieoffene Tickets für radikale Ideen aus Hochschulen, Start-ups und KMU, mit Entscheidung in wenigen Wochen statt in Förderzyklen von Monaten.
  2. NRW-Challenges:
    Wettbewerbliche Formate zu klaren Zukunftsproblemen des Landes, etwa klimaneutrale Industrieprozesse, Kreislaufwirtschaft, Industrie-KI, resiliente Logistik oder Energie- und Netzintegration.
  3. Testfelder mit Fast Track:
    Die Einheit soll nicht nur Ideen finanzieren, sondern den Zugang zu Reallaboren, Genehmigungen, Ankeranwendern und Datenräumen organisieren.
  4. Transfer in den Markt:
    Erfolgreiche Vorhaben gehen nicht in dauerhafte Zuschussabhängigkeit, sondern wechseln in NRW.BANK-Finanzierung, Co-Investments, Beschaffung oder private Kapitalrunden.
Die NRW-Einheit sollte als hochautonomes Sondermandat innerhalb bestehender Landesstrukturen organisiert werden. Damit wäre die Struktur komplementär statt redundant. Ökonomisch würde genau der Teil des Innovationssystems adressiert, in dem das Marktversagen am größten ist: frühe Validierung und risikoreiche Erprobung.
Matthias Mainz
Geschäftsführer Wirtschaftspolitik und Digitalisierung
IHK NRW e. V.
Dr. Eckhard Göske
Fachpolitischer Sprecher Industrie, Forschung, Innovation und Informationstechnologie
IHK Nord Westfalen