Studie RWI und IHK NRW / Peak Trade - Auswirkungen auf NRW

  • Welthandel verliert an Dynamik – Tempo der Globalisierung sinkt
  • In Schwellenländern wird die Binnenwirtschaft wichtiger 
  • NRW überdurchschnittlich von der Trendumkehr betroffen
  • Standortattraktivität erhöhen - Außenhandelsförderung neu justieren

Nachlassendes Exportwachstum trifft NRW

Die Dynamik des Welthandels hat in den vergangenen Jahren deutlich an Tempo verloren (siehe Schaubild 1). Expandierte der Welthandel in den Jahren von 1992 bis 2000 noch um durchschnittlich 8 Prozent pro Jahr und damit mehr als doppelt so schnell wie das Weltsozialprodukt, so sanken die Zuwachsraten im Zeitraum der Jahre 2000 bis 2007 auf durchschnittlich 6,5 Prozent jährlich und in den Jahren 2007 bis 2015 auf sogar nur noch 2,7 Prozent per anno. Damit fiel das Wachstum des Welthandels zuletzt sogar hinter das Wachstum der Weltwirtschaftsleistung insgesamt zurück – statt einer beschleunigten Globalisierung konzentrierte sich das Wachstum vornehmlich in den Schwellenländern stärker auf die Binnenwirtschaft. Oder anders gewendet: Die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung ist ins Stocken gekommen.

Um die Auswirkungen dieser Entwicklungen für das Land und die Unternehmen in NRW besser abschätzen zu können, hat IHK NRW das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) beauftragt, den Ursachen dieser Entwicklung auf den Grund zu gehen (Kurztitel: „Peak Trade – Auswirkungen auf NRW“).

Mit der schwächeren Importnachfrage der Handelspartner NRWs hat sich der Wettbewerb auf den Auslandsmärkten intensiviert. Dies hat weitreichende Folgen für die Wirtschaft in NRW. Bereits nach der Jahrtausendwende, als der Welthandel noch vergleichsweise kräftig wuchs, verlor NRW auf den Auslandsmärkten im Vergleich zu den anderen Bundesländern an Boden. Dieser Prozess hat sich insbesondere nach dem Jahr 2010, als die Dynamik im Welthandel deutlich nachgelassen hat, weiter beschleunigt. Im Ergebnis ist der Anteil NRWs an den deutschen Ausfuhren auf etwa 15 Prozent gesunken (s. Schaubild 2).

Export vor Strukturwandel

Die Verlangsamung des Welthandels hat den Erkenntnissen des RWI folgend zwei Gründe: die Verlangsamung der weltwirtschaftlichen Produktion und die abnehmende Handelselastizität der Produktion. Die Verlangsamung der Produktion hat ihren Grund vor allem in der nachlassenden Dynamik der Schwellenländer, wobei China eine herausgehobene Rolle spielt, sowie der massive Nachfrageeinbruch in der EU. Hinzu kommt, dass sich das Wachstum in vielen Schwellenländern weg vom Import hin zu einem stärkeren Binnenwachstum orientiert. Als Folge hat sich der „Importgehalt“ des Wachstums verringert. Für ihr Wachstum benötigen die Schwellenländer heute weniger Importgüter als früher.

Mit steigendem Einkommensniveau findet derzeit in den asiatischen Schwellenländern eine Importsubstitution statt. So lohnt es sich aufgrund des gestiegenen Marktvolumens in zunehmendem Maße, Güter lokal zu produzieren, statt sie zu importieren. Auch sind mit der steigenden Qualifikation der Arbeitnehmer die Möglichkeiten gewachsen, anspruchsvolle Güter vor Ort zu produzieren. Nicht zuletzt hat sich mit wachsendem Einkommen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu Dienstleistungen verschoben, die im Allgemeinen deutlich weniger handelsintensiv sind.

Manches spricht dafür, dass die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung ihren Höhepunkt überschritten hat („peak trade“). Noch kann das RWI aber nicht abschließend klären, ob der Rückgang des Welthandels lediglich eine Normalisierung nach dem dynamischen Wachstum der 1990er Jahre darstellt. Im Ergebnis werden sich die NRW-Unternehmen aber in den kommenden Jahren auf eine geringe Wachstumsdynamik im Export einstellen müssen, selbst wenn die Weltkonjunktur wieder anziehen sollte.

Verstärkt wird dieser Effekt von einer restriktiveren Handelspolitik in vielen Ländern. So konnte etwa die Doha-Runde seit dem Jahr 2001 zu keinem Abschluss gebracht werden und gilt mittlerweile als gescheitert. Stattdessen haben nach der Rezession im Jahr 2009 wieder mehr Länder zu Handelsbeschränkungen gegriffen. Diese Entwicklung verschärfen könnte der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Exportstärke NRWs in den Blick nehmen

Diese strukturell bedingte Abschwächung des Welthandels trifft NRW in einer Zeit, in der das Land gegenüber anderen deutschen Bundesländern im Export zurückgefallen ist. So haben sich die Exporte der NRW-Wirtschaft seit der Jahrtausendwende schwächer entwickelt als die Deutschlands insgesamt. In den Jahren 2002 bis 2015 erhöhten sich die nominalen Ausfuhren aus NRW um 52 Prozent, während das gesamte Bundesgebiet im gleichen Zeitraum einen Zuwachs von 84 Prozent verzeichnete. Mithin ist der Anteil NRWs an den gesamten deutschen Ausfuhren von 23 Prozent im Jahr 1991 auf 15,2 Prozent im Jahr 2015 gefallen. Mittlerweile liegen die Exporte je Kopf in NRW unter dem Bundesdurchschnitt.

Als Ursachen für das Zurückfallen identifiziert das RWI die regionale Verteilung der Exportländer, die Branchenstruktur sowie, als den Faktor mit dem größten Einfluss, einen negativen Standorteffekt. Insbesondere nach der Rezession im Jahr 2009 haben sich die regionale Ausrichtung und die Branchenstruktur der NRW-Exportwirtschaft nachteilig auf das Exportwachstum ausgewirkt. So ist die NRW-Wirtschaft stärker als andere Bundesländer auf Länder in der EU und damit auf Regionen fokussiert, die deutlich langsamer als die Märkte Asiens oder auch die USA gewachsen sind. Den Brancheneffekt führt das RWI zu einem Teil auf die in NRW geringere Bedeutung der Kfz-Industrie zurück. Vor der Finanzkrise wuchsen die Ausfuhren von Kfz und Kfz-Teilen in Deutschland insgesamt schwächer als der gesamte Export, nach der Krise dagegen überdurchschnittlich. Hiervon konnte NRW nicht im gleichen Maße wie andere Bundesländer profitieren.

Der überwiegende Teil des NRW-Exportproblems ist, so die Berechnungen des RWI, jedoch auf einen negativen Standorteffekt in NRW zurückzuführen. Gerade hier konstatieren

die Gutachter dem Land NRW in den vergangenen Jahren eine markante Verschlechterung. Der Standorteffekt beschreibt die Standortfaktoren, bei denen NRW im Vergleich zu anderen Bundesländer schlechter dasteht. Mögliche Ursachen sieht das RWI in den Innovationsbedingungen und in harten Standortfaktoren wie den Kostenbelastungen oder der Infrastruktur. Als statistisches Residuum bietet der Standorteffekt lediglich einen Ansatzpunkt für eine weitergehende Ursachenanalyse.

Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung konnte der Standorteffekt nicht in seine Einzelkomponenten zerlegt und näher untersucht werden. Dies sollte nun aber dringend angegangen werden, um die Ausrichtung der Exportaktivitäten und der Außenhandelsförderung in dem schwieriger werdenden Umfeld neu zu justieren und flexibler auf die wirtschaftlichen Bedarfe auszurichten. Denkbar wäre eine stärkere Konzentration auf Länderschwerpunkte außerhalb Europas oder auch neue Wege, etwa im digitalen Export. Gemeinsam mit dem Netzwerk der IHK-Organisation könnten so die für die NRW-Wirtschaft wichtigen internationalen Märkte erschlossen werden. Wichtiger wird es zudem in Zukunft sein, wieder verstärkt für die Vorteile des Freihandels und den Abbau von Bürokratielasten im Zoll- und Außenwirtschaftsrecht zu werben. NRW lebt von offenen Grenzen. Diese Einsicht sollte durch zukunftsweisende Handelsabkommen auch vertraglich umgesetzt werden. Ein Zurückdrehen der globalen Arbeitsteilung hätte spürbare Nachteile für den Wirtschaftsstandort NRW. Immerhin wurde im Wirtschaftsbericht der Landesregierung NRW das Nullwachstum im Jahr 2015 zu einem erheblichen Teil auf die schwache Exportperformance zurückgeführt.

Den vollständigen Report des RWIs mit Titel „Peak Trade? Auswirkungen einer weltwirtschaftlichen Wachstumsverlagerung auf das Exportland NRW“ finden Sie im Internet unter

https://www.ihk-nrw.de/sites/default/files/publikation_dateien/peak_trade_studie_161101.pdf oder unter: http://www.rwi-essen.de/forschung-und-beratung/wachstum-konjunktur-oeffentlichefinanzen/projekte/366/

IHK NRW ist der Zusammenschluss der 16 Industrie- und Handelskammern in NordrheinWestfalen. IHK NRW vertritt die Gesamtheit der IHKs in NRW gegenüber der Landesregierung, dem Landtag sowie den für die Kammerarbeit wichtigen Behörden und Organisationen.