Neue IHK-Studie zur Energiewende zeigt Chancen für die Industrie auf

  • Neue IHK-Studie zur Energiewende zeigt Chancen für die Industrie auf

Experten prognostizieren 10 Milliarden Euro Wertschöpfung jährlich durch Nutzung von Überschussstrom und empfehlen neue Kostenstrukturen.

Mit der Energiewende hat sich die Bundesregierung ambitionierte Ziele gesetzt. Bis 2050 sollen 80 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland aus Erneuerbaren Energien stammen. Diesem Ziel folgend werden derzeit in vielen kleinen Schritten Weichen gestellt - häufig mit der Folge steigender Strompreise und auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Mitten im Transformationsprozess ist es daher an der Zeit, den Blick nach vorne zu richten: Wie muss ein Energiepreissystem aussehen, das den politischen Anforderungen genügt und gleichzeitig Industrie und Gewerbe in NRW und Deutschland größtmögliche Chancen bietet? Dieser zentralen Frage geht die neue Studie „Energiewende in Deutschland – Perspektiven für Industrie & Gewerbe“ nach, die das Beratungsunternehmen frontier economics im Auftrag von IHK NRW und DIHK erstellt hat. Die Studie versteht sich als Diskussionsgrundlage im Sinne des Wirtschaftsstandorts NRW.

„Als deutsches Energieland Nr. 1 ist Nordrhein-Westfalen von der Energiewende besonders betroffen. Mit seinem hohen Industriebestand verfügt es aber auch über besondere Potenziale. Gerade hier könnte durch die Energiewende viel zusätzliche Wertschöpfung entstehen, wenn die Energiewende stärker industriepolitisch gedacht würde. So sollte in Zeiten mit viel Wind und Sonne Strom zu günstigen Preisen an die Unternehmen weitergegeben werden“, fasst Stefan Schreiber, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund und Federführer der 16 NRW-IHKs für Energie und Klimaschutz, ein zentrales Ergebnis der Studie zusammen.

Elektrische Energie ist für Industrie und Gewerbe ein entscheidender Produktionsfaktor. Rund 62 Prozent des Stromverbrauchs in Deutschland fallen in diesen Sektoren an, davon wird jede vierte Kilowattstunde Strom in Nordrhein-Westfalen verbraucht. Angesichts der zum Teil erheblichen Strompreissteigerungen verwundert es daher nicht, dass gegenwärtig viele Unternehmen mit der Energiewende eher die negativen Folgen für ihre Wettbewerbsfähigkeit verbinden. Laut IHK NRW-Energiewende-Barometer 2016 beurteilen 39 Prozent der Industrieunternehmen die Energiewende als negativ oder sehr negativ.

Mögliche Chancen für die Unternehmen werden dagegen zu wenig genutzt. „So wie wir die Energiewende heute gestalten, verschenken wir jährlich 10 Milliarden Euro Wertschöpfung in Deutschland", betont Schreiber. Statt Maschinen oder Autos zu produzieren, wird Strom nicht genutzt oder für wenig Geld ins Ausland verkauft. Der Grund: Die Unternehmen haben derzeit keinen Anreiz, ihre Produktion in Stunden mit niedrigen Strompreisen zu steigern, weil Netzentgelte, Steuern und Umlagen unabhängig vom Großhandelspreis anfallen.

Diese staatlichen Preisbestandteile machen drei Viertel der Gesamtbelastung der Stromverbraucher aus (2015: 51 Milliarden Euro), der reine Marktwert des Stroms nur ein Viertel (17 Milliarden Euro). Mehrverbrauch und damit mehr Wertschöpfung lohnen sich schlicht nicht, selbst wenn der Strom eigentlich kostengünstig zur Verfügung steht. Dies gilt vor allem bei „Überschussstrom", den es der Studie von frontier economics folgend bei den in Zukunft vorherrschenden Energiequellen Sonne und Wind in bis zu 40 Prozent der Stunden eines Jahres geben wird.
Anhand von Unternehmensbeispielen in Nordrhein-Westfalen wie Gebr. Grünewald GmbH (Kirchhundem), Hesse GmbH & Co. KG (Hamm) und TRIMET Aluminium SE (Essen) verdeutlicht die Studie, wo mögliche Anwendungsfelder für Überschussstrom (aus regenerativen Energiequellen) liegen. Gerade in der Industrie verspricht der Einsatz dieses Stroms große wirtschaftliche Vorteile, beträgt die durchschnittliche Bruttowertschöpfung pro MWh laut frontier economics doch rund 2.000 Euro. In bestimmten industriellen Prozessen könnten bei entsprechenden Reformen fossile Energieträger ersetzt werden und die Unternehmen zusätzlich noch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Unerlässliche Voraussetzungen hierfür, so die Ergebnisse von frontier economics, sind Änderungen bei der Kostenstruktur der Stromversorgung. „Wir müssen die Kilowattstunde entlasten, um die Nutzung von Strom attraktiv zu machen. Dies wird nur gehen, wenn die staatlich induzierten Preisbestandteile wie die Stromsteuer oder die Netzentgelte neu gedacht werden“, sagt Schreiber.

Bei einer Umstellung gilt es allerdings zu beachten, dass einige Unternehmen des produzierenden Gewerbes etwa aufgrund produktionstechnischer oder sicherheitsbedingter Restriktionen nur begrenzt in der Lage sind, ihren Stromverbrauch zeitlich zu flexibilisieren. Dies gilt es bei der Umgestaltung des Kostensystems zu berücksichtigen, um die Position im internationalen Wettbewerb nicht zu gefährden.

Die IHKs in Nordrhein-Westfalen laden für 2017 zu Workshops ein, um die Handlungsmöglichkeiten mit den Unternehmen weiter zu untersuchen.

IHK NRW ist der Zusammenschluss der 16 Industrie- und Handelskammern in NordrheinWestfalen. IHK NRW vertritt die Gesamtheit der IHKs in NRW gegenüber der Landesregierung, dem Landtag sowie den für die Kammerarbeit wichtigen Behörden und Organisationen.