Handelstag NRW in Bielefeld am 22.09.2017

Wie sieht die Innenstadt von morgen aus? IHK NRW hatte unter dem Titel „City 4.0 – How does it feel?“ zum Handelstag eingeladen

August Oetker hat zwar nicht das Backpulver erfunden, aber dessen bedarfsgerechte Portionierung – und damit den Startschuss für ein Unternehmen gegeben, das sich zu einem der europaweit innovativsten Hersteller von Nahrungs- und Genussmitteln entwickelt hat. Daran erinnerte NRW-Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart bei seiner Begrüßung zum Handelstag NRW in der Bielefelder Oetkerhalle. Ein solcher Innovationsgeist ist laut Pinkwart heutzutage mehr denn je gefordert, um als Händler dauerhaft am Markt bestehen zu können. Zum sechsten Mal hatte IHK NRW, die Landesarbeitsgemeinschaft der 16 Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen, zum Handelstag eingeladen – diesmal unter dem Titel „City 4.0 – How does it feel?“.

Wie wichtig attraktive Innenstädte für die Lebensqualität in einer Region sind, verdeutlichte Wolf D. Meier-Scheuven, Präsident der IHK Ostwestfalen, in seiner Begrüßungsrede. Der Handel sei ein wichtiger Arbeitgeber. Zudem seien gerade auch im Wettbewerb um Fachkräfte lebenswerte Städte mit einem lebendigen Handel ein immer wichtiger werdender Standortfaktor. An die politischen Vertreter richtete er den Appell, den Handel auch weiterhin zu unterstützen.

Unter den Überschriften „Anleitungen zum Umdenken“, „Aufforderungen zum Nachdenken“ und „Aussichten zum Vordenken“ diskutierten im Anschluss Experten, wie die Innenstadt von morgen aussehen könnte. Einig waren sich die Referenten, dass der Online-Handel den stationären Handel nicht ersetzen kann, der Kunde aber auch nicht mehr in verschiedenen „Vertriebskanälen“ denkt. Er unterscheidet kaum noch zwischen Social Media, Internet und stationärem Handel, sondern erwartet, dass der Händler auf allen Kanälen unterwegs ist. Außerdem werde die Individualisierung der Waren ein wichtiges Thema der Zukunft. Während Luxusmarken eher an Bedeutung verlieren, entwickle sich die eigene Zusammenstellung von Farben, Stoffen und Accessoires zu einem bestimmenden Trend. Schon heute gibt es erste Hersteller, die ihren Kunden solche Angebote machen – aber noch sind die Lieferzeiten sehr lang. Innovative Technik werde dies laut Experten ändern und Raum für eine Verschmelzung zwischen Online- und Offline-Handel schaffen.

Einen kritischen Blick auf den „Vernetzungszwang“ warf Julian Petrin vom Büro Urbanista aus Hamburg. Er zeigte auf, welche gesellschaftlichen Schattenseiten die Digitalisierung haben kann. Wenn Bequemlichkeit wichtiger werde als Selbstbestimmung oder die Privatsphäre zulasten von Big Data verlorengehe, werde dies nicht nur positive Effekte auf die Gesellschaft haben. Er mahnte an, sich bei der Diskussion über Smart Cities von der reinen „Technikebene“ zu lösen und intensiver zu fragen, wo diese Entwicklungen auch gesellschaftlich hinführen könnten – bei aller Offenheit gegenüber neuen Technologien.

Diesen Gedanken griff Titus Dittmann, Skaterlegende aus Münster, auf. Er stellte klar, dass Händler für ihre Produkte „brennen“ müssen. Dittmann betonte, dass E-Commerce nur ein neuer Vertriebskanal sei, sich an der Faszination der Produkte jedoch nichts geändert habe. Nur wer den Kunden als „Gesinnungsgenossen“ sehe und seine Wünsche und Ansprüche verstehe, werde als Händler überleben können. In seinem launigen Vortrag „Mut ist, wenn man es trotzdem macht“ zeichnete er die Entwicklung der Handelskette „Titus“ nach und verdeutlichte, dass Emotionalität im Handel immer noch eines der wichtigsten Merkmale sei. Am Ende konnten auch die Fachleute die Frage nach der Stadt der Zukunft nicht eindeutig beantworten. Einig waren sie sich aber, dass Kreativität, Offenheit für neue Lösungen und Emotionalität mehr denn je erfolgreiche Handelsstandorte prägen werden.