Duale Ausbildung zukunftsfähig machen

Der Ausbildungsmarkt in NRW, wie in ganz Deutschland, steht vor einem grundlegenden Umbruch: Bedingt durch den ungebrochenen Zulauf auf Universitäten und Fachhochschulen sowie dem demografischen Wandel wird es für die Unternehmen im Land immer schwieriger, geeignete Bewerberinnen und Bewerber für ihre Ausbildungsstellen zu interessieren. Darüber hinaus haben weitere Entwicklungen wie Abiturinflation, Digitalisierung der Ausbildung, Qualität von Lehrinhalten und Berufsorientierungsprozessen, Inklusion und Zuwanderung wesentliche Auswirkungen auf das Ausbildungssystem in NRW.

Damit die betriebliche Berufsausbildung auch in Zukunft das weltweit gerühmte Erfolgsmodell bleibt, haben die IHKs in NRW eine gemeinsame „Agenda 2025“ für die betriebliche Berufsausbildung erarbeitet und verabschiedet. In den dabei definierten 14 Thesen geht es unter anderem darum, die betriebliche Ausbildung auch für leistungsstarke Abiturientinnen und Abiturienten sowie Studierwillige attraktiver zu gestalten, das Bildungssystem durchlässiger zu machen und die Arbeitsinhalte zu digitalisieren. „Letztlich geht es hier um die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland“, sagt Ralf Kersting, der Präsident der IHK NRW. „Wir müssen jetzt sicherstellen, dass unsere Unternehmen auch in zehn Jahren noch auf eine ausreichende Zahl von Fachkräften zurückgreifen können.“

Erste Herausforderung ist es dabei, den ungebrochenen Akademisierungstrend zur Grundlage einer eigenen Strategie zu entwickeln. Vielen Eltern erscheint für ihre Kinder ein Abitur als Schulabschluss Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Berufsweg. In der Folge entscheidet sich aktuell mehr als die Hälfte eines ganzen Jahrgangs für ein Studium. Der beruflichen Ausbildung fehlt es somit an Bewerberinnen und Bewerbern. Um hier gegenzusteuern, muss das Ausbildungs- und Studiensystem durchlässiger werden. Erforderlich sind kürzere Ausbildungsalternativen vor allem für leistungsstarke junge Menschen, die so zur Aufnahme einer betrieblichen Erstausbildung motiviert werden könnten. Die gegenseitige Anrechnung von Bildungsleistungen muss flexibler gehandhabt werden. Eine wichtige Zielgruppe sind dabei Studienaussteigerinnen und -aussteiger. Ihre universitären Lernleistungen müssen bei einem Wechsel in die betriebliche Aus- und Fortbildung berücksichtigt werden. Bei der Anrechnung werden die IHKs ihr Ermessen weitestgehend ausschöpfen.

In der Pflicht sieht IHK NRW auch die Schulen. Gegenwärtig in fast allen Schulformen ist eine regelrechte Inflation guter bis sehr guter Noten zu beobachten. Bei den Bewertungen sollten sich Lehrerinnen und Lehrer an allgemein definierten Standards orientieren, nicht jedoch am aktuell durchschnittlichen Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler. Zeugnisse allgemeinbildender Schulen sollten zukünftig rechtzeitig Hinweise zur Befähigung zur Hochschulreife geben und wieder Aussagen über die sozialen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler enthalten. Die Kopfnoten sind wieder einzuführen.

Letztendlich gilt es, die Zuwanderung für die Besetzung von beruflichen Ausbildungsstellen zu nutzen. Die Unternehmen haben verinnerlicht, dass Zuwanderung wichtige Beiträge dazu leisten kann, das Angebot an betrieblichen Ausbildungsstellen besser auszuschöpfen und damit die bereits heute bestehenden Rekrutierungsprobleme zu mildern. Dazu muss alles getan werden, dass die Zuwanderer die deutsche Sprache beherrschen. Die durch die Politik vorgenommenen Erleichterungen bei der Aufnahme betrieblicher Praktika durch Asylbewerberinnen und –bewerber sind erste Schritte in die richtige Richtung.

Die vorgelegte Agenda dient in den kommenden Jahren als Leitbild für die weiteren gemeinsamen Diskussions- und Gestaltungsprozesse in NRW. Die Industrie- und Handelskammern setzen dabei Akzente zur Gestaltung der eigenen Angebote wie Ausbau themenbezogene Fortbildungen für Ausbilder, Beratungs- und Förderangebote zur Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern, Einsatz digitaler Lehrformen, Imagekampagne zur dualen Ausbildung.

IHK NRW ist der Zusammenschluss der 16 Industrie- und Handelskammern in NordrheinWestfalen. IHK NRW vertritt die Gesamtheit der IHKs in NRW gegenüber der Landesregierung, dem Landtag sowie den für die Kammerarbeit wichtigen Behörden und Organisationen.